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 E & BJ Capper Nagold 2005/2006

 

2.11.2005

Litomyšl / Litomysl

Scraffiti & Smetana

Der heutige zähe Hochnebel lichtet sich ein wenig, als wir beschließen, noch das ca. 50 km nordöstlich liegende Städtchen Litomysl aufzusuchen, das ebenfalls ein UNESCO Weltkulturerbe (seit 1999)beherbergt.
Die liebliche hügelige Landschaft erinnert uns an unsere Heimat, den Schwarzwald, dort, wo die dunklen Täler in eine etwas baumfreiere Gegend übergehen.
Auch dieses Foto wurde aus dem fahrenden Auto geschossen, der Verwacklungschutz unserer kleinen Ersatzkamera macht's möglich (siehe Brno).

The high clouds clear a little as we set out on a trip to the small town of Litomysl, about 50 km away to the North-East, which has hosted a UNESCO World Heritage site since 1999.
The pleasantly hilly countryside reminds us of our home area, the Black Forest, at the altitude where the dark valleys open up and the trees thin out.
This picture was taken from the moving car, probably assisted by the technology in our new substitute camera which kindly reduces the wobble-effect.

 

 

 

Endlich sehen wir eine größere Anzahl der typischen alten tschechischen Bauernhäuser im Streifenlook, von denen viele heutzutage als Ferienhäuschen vermietet werden.

At last we see numerous traditional ‘striped’ Czech rural cottages, which nowadays are often rented out as holiday homes.

 

 

 

Litomysl (deutsch: Leitomischl) ist eine Kleinstadt (ca 10000 Einwohner), die sich eines der längsten Marktplätze des Landes rühmen darf. Hat man ihn umrundet, ist man mehr als einen Kilometer gelaufen.
 Tatsächlich entstand der Platz aus der Häuserzeile, die sich entlang des alten Handelswegs zwischen Böhmen und Mähren bildete.
Besonders im 18. Jh. wurde die Stadt mehrmals das Opfer verheerender Brände, so dass man angeblich in Böhmen zu sagen pflegte: "Es brennt wie Leitomischl!". Die deshalb häufig umgebauten Bürgerhäuser zeigen sich heute vorwiegend im Empire-Stil des 19. Jh.

Litomysl is a small town (ca. 10000 inhabitants) that boasts of one of the longest market places in the country. If you go all the way round, you have walked more than a kilometre.
In fact the market square developed from rows of houses which were built along the old trading route between Bohemia and Moravia.
In the 18th century the town was subject of major fires so often that it was a common saying in Bohemia, ‘It burns like Litomysl’. As a result the town houses repeatedly had to be rebuilt and are mostly now in the 18th century Empire style.

 

 

 

Litomysl ist eine fußfreundliche Stadt insofern, als alle architektonischen Highlights nah beieinander liegen. Nur eine Querstraße vom Marktplatz entfernt erhebt sich hinter wuchtigen Außenmauern das zierliche Renaissanceschloss, das eigentliche Weltkulturerbe. Die weitgereiste Adelsfamilie Pernstejn ließ es in der zweiten Hälfte des 16. Jh erbauen.

The town of Litomysl is friendly to pedestrians in that all the architectural highlights are close together. A relatively short street joins the market square to the bulky outside walls protecting the graceful Renaissance castle, which is the actual World Heritage building. The much-travelled aristocratic Pernstejn family built it in the second half of the 16th century.

 

 

 

Die Familie Pernsteijn war es auch, die 1640 den katholischen Piaristenorden nach Leitomysl holte. Ziel des Ordens war es, vor allem arme Jugendliche in seinen Schulen auszubilden. Mitglieder des Ordens sind heute immer noch im Schuldienst tätig.
Die hier gezeigte Kirche der Auffindung des Heiligen Kreuzes wurde in direkter Nachbarschaft zum piaristischen Gymnasium für die Gottesdienste der Pater und Studenten zwischen 1714-1720 erbaut. Auch sie erlitt bei mehreren Bränden schwerwiegende Schäden. Nachdem die Piaristen die Stadt 1948 verlassen hatten, verfiel die Kirche. Um 1994 wurde sie teilweise renoviert, ist aber für die Öffentlichkeit noch nicht zugänglich, da die Innenräume noch renoviert werden müssen.

It was the Pernstejn family who also brought the Catholic Piarist Oder to Litomysl. The primary aim of the order was to educate poor young people in its schools. Members of the Order are still active teaching in schools.
The Church of the Discovery of the Holy Cross shown here was built near the Piarist Grammar School between 1714 and 1720 for the church services of the teaching Fathers and the pupils. The church suffered severe damage in several fires. After the Piarists left the town in 1948 the church fell into disrepair. In about 1994 it was partially restored, but isn’t accessible to the public as the internal renovation hasn’t yet been completed.

 

 

 

 

 

Wratislaw von Pernstejn war viel in der Welt herumgekommen, besonders in Spanien und Italien. Von dort brachte er auch die Idee für ein Renaissanceschloss mit, das er von italienischstämmigen Architekten am Standort der mittelalterlichen Burg errichten ließ.
Das ungewöhnliche Gebäude blieb bis heute praktisch unverändert erhalten. Es besticht besonders durch seine südländischen, den böhmischen Gegebenheiten angepassten Arkaden, die sich um den Innenhof an drei Seiten dreireihig aufeinandertürmen, seine verspielten Giebel und den Scraffito-Verputz (Kratzputz).

Wratislaw von Pernstejn travelled a lot, especially in Spain and Italy. From there he brought back the idea of building a Renaissance Castle and had it built by Italian architects on the site of a mediaeval castle.
The unusual building has been preserved almost unchanged since then. Tiers of arcades surrounding the inside court on three sides in a Mediterranean-style, modified to suit Bohemia. form an outstanding feature of the building, as do the playful gables and the Sgraffito plastering. (See explanation below.)

 

 

 

Mit in den Neubau integriert wurde wohl auch der ehemalige bischöfliche Palast, denn Litomysl war nach Prag das zweite Bistum in Böhmen (ab 1344), das allerdings die Zerstörung durch die Hussitenkriege nicht überlebte.
Heute kann man 14 Innenräume besichtigen, von denen das Schlosstheater mit vielen erhaltenen Requisiten am bemerkenswertesten ist.

The previous bishop’s palace was integrated into the new building. From 1344 Litomysl had been the second-ranked bishopric in Bohemia after Prague, but that did not survive the Hussite Wars.
Nowadays 14 interior rooms can be visited. Of these, the most remarkable is the Castle Theatre in which many of the requisites have been preserved.

 

 

 

Das Schloss ist komplett mit Scraffiti überzogen. Dieser kunstvolle Kratzputz stammte aus Italien, verbreitete sich aber in Windeseile im restlichen Europa, da er sich als besonders witterungsbeständig erwies.
 Eine mit dunklen Sandkörnern eingefärbte Mörtelschicht wird mit einer helleren überzogen, die dann in noch feuchtem Zustand soweit abgeschabt wird, dass der dunklere Untergrund in der Form von Figuren oder Mustern wieder freigelegt wird.

The castle is completely covered by Sgraffiti, (also called Scraffiti). This artistic scratched plastering style originated in Italy and spread out quickly throughout Europe as it proved to be especially weather resistant.
One layer of mortar coloured with dark sand is covered over by a lighter coloured layer. While still moist the top layer is scratched away leaving the darker layer showing in the desired pattern.

 

 

 

Offensichtlich im Jahr 1729 wurde diese beeindruckende Sonnenuhr an der Fassade angebracht. Ob dies in kunstvoller mehrfarbiger Scraffiti-Technik oder als Gemälde geschah, kann ich nicht erkennen.

This sundial dated 1729 brings a splash of different colours to the otherwise brown-white-toned walls.

 

 

 

Der Blick an einer Schlossseite entlang bis zum Schlossturm. Die Art und Weise, wie der helle Putz abgeschabt wurde, ruft einen dreidimensionalen Effekt hervor. Von weitem und auch auf vielen Fotos wirkt das Schloss so, als sei es aus gewaltigen grauen Granitblöcken erbaut worden.

The view along one side of the castle to the corner tower. The scratched plaster technique produces a 3-dimensional effect. From a distance and on many photos it looks as if the castle is built out of massive granite blocks.

 

 

 

 

 

Über dem Eingang zum Schlosshof befindet sich auch von außen sichtbar einer der typischen Arkadengänge, die das Innere so üppig und in großer Zahl verzieren.
Dem Eingang direkt gegenüber steht das Geburtshaus des berühmten tschechischen Opernkomponisten Bedrich Smetana, dessen Vater als Brauer in der hier ansässigen Schlossbrauerei tätig war und das Talent des Sohnes frühzeitig erkannte und förderte.
In den Gärten rings um das Schloss und an weiteren Stellen in Litomysel finden mehrmals im Jahr Musikfestivals zu Ehren Smetanas statt.

Visible from the outside above the entrance to the castle court is one of the typical arcades which richly decorate the inner walls of the court.
Directly opposite the entrance is the birthplace of the famous Czech opera composer Bedrich Smetana, whose father was brewer in the castle brewery here. He recognized his son’s talent in early years and encouraged him.
In the gardens around the castle and at other locations in Litomysl Music Festivals take place several times each year in honour of Smetana.

 

 

 


Anklicken zum Vergrößern / Click for larger picture. Litomysl Panorama 11.2005

Nicht nur das Schloss selbst, sondern auch die barocken Nebengebäude sind noch komplett erhalten und können zu gegebener Zeit besichtigt werden.
Oberes Panoramabild stellt - von Mauer zu Mauer - eine 180 Grad-Rundumsicht dar, die  (von links nach rechts) Teile des Parks, mehrere Nebengebäude, den Schlossbrunnen, die Schlossbrauerei mit Smetanas Geburtshaus und schließlich die Türme der Piaristenkirche aufzeigt.

Not only the castle but also the surrounding Baroque outbuildings are completely preserved and can be visited (at the right time of the year!)
The 180 ° panorama picture above shows - from castle wall to castle wall and from left to right - part of the park, several outbuildings, the castle brewery with Smetana’s birthplace and the towers of the Piarist Church.

 

 

 

Im Jahr 1994 lud der damalige Präsident Tschechiens, Vaclav Havel, sieben mitteleuropäische Präsidenten nach Litomysl ein, ein Indiz dafür, dass die an Geschichte und Architektur reiche Stadt international wieder an Bedeutung gewinnt. Wir verlassen an dieser Stelle den hinteren Schlosshof, um wieder in die Stadt selbst zu gelangen.

In 1994 Vaclav Havel, at that time President of the Czech Republic, invited seven central European Government Presidents to Litomysl. That indicates that the historically and architecturally wealthy town is regaining some of its international importance.
Here we look across the rear castle court before walking back down to the town itself.

 

 

 

Ja, Litomysl macht sich fein! Während wir uns einen Weg durch Berge von Schotter und Pflastersteinen suchen, bemühen sich andere um die nötige Konzentration beim Anatomie-Lernen, sicher nicht immer einfach bei den lauten Hämmer- und Motorengeräusche, die fleißige Arbeiter auch am frühen Abend noch erzeugen.

Litomysl is busy making itself beautiful.
While we look for a way through the piles of gravel and cobblestones we happen to see medical studies going on through the window of a building in the street. It must be difficult to learn Anatomy while  industrious workmen are hammering so energetically just below the window!

 

 

 

Die Piaristenkirche und das ehemalige Piaristengymnasium von hinten betrachtet. Heute sind darin unter anderem ein Museum und ein Restaurant untergebracht.
Die ehemaligen Klostergärten wurden kürzlich renoviert und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Wunderschön liegt der Park wie eine riesige Terrasse über der Altstadt.

The Piarist Church and the former Grammar School now seen from the back. Today the buildings houses a museum and a restaurant.
The former monastery garden has recently been restored and opened up for public use. It is placed attractively on a terrace raised up above the town.

 

 

 

An der gegenüberliegenden Seite wird der ein Hektar große Klostergarten von der Kirche der Kreuzerhöhung abgeschlossen, ursprünglich eine Klosterkirche der Augustiner.
Heute erinnern an das zerstörte Konventgebäude nur noch die freigelegten Bögen des Kreuzgangs.
Davor stehen in einem neu angelegten Wasserbecken moderne Skulpturen eines örtlichen Künstlers. Da das Becken bereits ohne Wasser ist, laufen wir hinein und lassen uns von Smetana-Orchestertönen berieseln, die aus Lautsprechern in den Begrenzungsmauern dringen.

The Church of the Raising of the Holy Cross is on the far side the 2 1/2 acre monastery garden. It was originally an Augustinian monastery church.
Today only the ruined arches are there as visible reminder of the former monastery buildings.
In the centre of the picture is the newly laid out pond area (at the moment dry) with modern sculptures by a local artist. Instead of water, out of loudspeakers in the nearby wall flow the melodious music of a Smetana orchestal piece. 

 

 

 

Zur tiefer liegenden Stadt hin wird der Klostergarten durch ein Mäuerchen begrenzt, über das man zur romantischen Stadtkulisse, aber auch auf die sich direkt darunter befindenden Häuser und Hinterhöfe spicken kann. Spätestens bei deren Anblick wird einem klar, welch enorme restauratorische Leistung die Stadt bereits vollbracht hat und noch zu erbringen haben wird.

On the town side the monastery garden is supported by a wall. You can gaze over it at the romantic skyline, but also down from it to the houses and back gardens. Comparing this with what we have seen, we get an idea of how much restoration work has already been done in the town and how much is still to be done.

 

 

 

Zum Abschluss dieses angenehmen Stadtbesuchs bummeln wir noch ein wenig durch die Arkaden und genehmigen uns ein unglaublich billiges, aber sehr gutes thailändisches Menü.
Davon abgesehen, dass kulinarisch die weite Welt in Litomysl bereits Einzug hielt, hat die Stadt noch viel Ursprünglichkeit und Echtheit aufzuweisen. Von Touristenströmen ist nichts zu sehen, was wohl auch der geografisch recht abgeschiedenen Lage (und der Jahreszeit) zuzuschreiben ist, und die Läden unter den Arkaden scheinen mehrheitlich zur Versorgung der ansässigen Bevölkerung und nicht zum Plündern von Touristen da zu sein. Dennoch tut Litomysl offensichtlich alles, um letztere anzulocken. Soweit wir das beurteilen können, wird dies der reizvollen Stadt auch zunehmend gelingen.

To round off the pleasant visit to the town we wander through the arcades and allow ourselves a remarkably inexpensive but very tasty Thai meal.
Apart from the fact that the culinary wide-world has reached Litomysl, the town gives us a feeling of genuineness. No signs of streams of tourists at this time of the year or in this geographically fairly remote area. The arcade shops seem to be mostly for normal local needs rather than tourist traps.
Nevertheless Litomysl is obviously working hard to make itself attractive for visitors and, by the look of it, this attractive town will be increasingly successful.

 

 

 

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