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 E & BJ Capper Nagold 2008/2009

 

24.5.2008

Sanok

Freilichtmuseum und eine trübe Ostbeskiden-Rundfahrt

Open-air museum and a round trip to Bieszczady in dull weather

Nach einer längeren Fahrt sind wir in der ostpolnischen Stadt Sanok eingetroffen und sind froh darüber, ein Schild zum Campingplatz zu sehen. Das recht eindeutige Schild steht vor einem großzügig angelegten Erholungsgebiet mit Sportplätzen und Hotels. Als wir dem Hinweis folgen, löst sich der Campingplatz jedoch in Luft auf. Trotz einiger Nachfragen, sogar im hiesigen Hotel, hat noch nie jemand etwas von diesem Platz gehört.
Verdrossen fahren wir in die Nacht hinein, bis wir ca. 30km weiter einen völlig leeren, abgewirtschaftet wirkenden Platz finden. Doch hier sind wir zumindest willkommen.

Das obige Bild zeigt neben der Einfallsstraße nach Sanok rechts das Schild, das seiner Zeit voraus oder hinterher sein dürfte (unsere Beweisaufnahme), und links ganz zufällig einen Teil des Sanoker Schlosses, das eine berühmte Ikonensammlung beherbergt.

After a long drive we reach the East-Polish town of Sanok and are pleased to see a sign for a camping site on the main through-road. The sign is at the entrance to a generously laid-out recreation area with sports ground and hotel, but when we follow it the camping site dissolves into thin air. Despite our inquiries - the hotel receptionist understands English - no-one has ever heard of a camping site here.
Rather frustrated we drive off into the approaching night until, about 30 km further to the south, we find a completely empty and very desolate-looking camping site. There at least we are welcome.

The picture above shows, besides the highway into Sanok, on the right the sign that is either before its time or out-of-date, (our ‘evidence’) and on the left, purely by chance on our photo, part of Sanok Castle which houses a famous collection of icons.    

 

 

 

Doch wir sind nicht wegen der Stadt hier, sondern wegen ihres Freiluftmuseums im Stadtteil Biala Gora, das sich in Eigenwerbung das größte Polens nennt. Der Park Etnograficzny w Sanoku beherbergt ca. 150 Gebäude aus dem 17.-20.Jh. Er zeigt Lebens- und Arbeitsweisen der früher hier ansässigen ukrainisch-sprachigen Lemken und Bojken sowie der polnisch-ruthenischen Bevölkerung der Vorkarpaten. Dieses Museum beschreibt tatsächlich eine untergegangene Welt.
Diese Welt war seit 1772 Teil der künstlich erschaffenen habsburgischen Provinz Galizien, die berühmt war wegen der kulturellen und ethnischen Vielfalt der hier lebenden Polen, Ukrainer und Juden, und berüchtigt wegen ihrer Armut. Als die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie 1919 aufgelöst wurde, traf das gleiche Schicksal auch Galizien. Mit der Ermordung der Juden im Dritten Reich und der Zwangsumsiedlung der Polen, Lemken und Bojken 1947 ist die Bevölkerung heute eine völlig andere.

However, we are not here to see the town itself but to visit its open-air museum in the suburb of Biala Gora, which claims to be the largest museum of the kind in Poland. 150 buildings from the 17th to 20th centuries have been collected in the ‘Etnograficzny w Sanoku’ park. It shows the life and work situation of the Ukrainish-speaking Lemko and Boyko peoples who previously lived here and of the Polish-Ruthenian population of the Subcarpathians. This museum in fact describes a world that has ceased to exist.
From 1772 the area was part of Galicia, the artificially created Habsburg province. The province was famous for the cultural and ethnic diversity of the Poles, Ukrainians and Jews who lived here, but also notorious for its poverty. When the Austro-Hungarian dual monarchy was dissolved in 1919 Galicia suffered the same fate. With the murder of the Jews in the Dritte Reich and the enforced relocation of Poles, Lemkos and Boykos todays population is a completely different one.    

 

 

 

Das Gebiet ist sehr weitläufig. Man kann sich mit einer Pferdekutsche hindurchziehen lassen, doch wir wollen lieber zu Fuß gehen. Alles wirkt sehr naturbelassen, nicht einmal die Wege sind geteert. In dem sumpfigen, tiefer gelegenen Museumsgebiet werden die Häuser und Kirchen der polnisch-ruthenischen Bevölkerung ausgestellt (das sind auf der oberen Landkarte die nördlichen Gebiete). Die abgebildete schöne Holzkirche wurde 1667 bei Jaslo errichtet und ist ein typisches Beispiel für die Holzarchitektur Kleinpolens (siehe letztes Kapitel).

The museum grounds are extensive and you can get transported around in a horse-cart, but we prefer to go on foot. Everything seems very natural, even the paths are not surfaced. The houses and churches of the Polish-Ruthenian population -  on the above map the northern areas - have been laid out in the marshy, lower-lying part of the grounds. The fine wooden church in the picture was originally built in !667 near Jaslo and is a typical example of the wooden architecture of Little Poland (see previous chapter).

 

 

 

Ein Blick ins Innere der römisch-katholischen Kirche.

A view into the interior of the Roman-Catholic church.

 

 

 

Neben der Kirche befindet sich das Haus eines römisch-katholischen Priesters, das 1865 in einem Dorf namens Ropa errichtet wurde und beweist, dass zumindest dieser Priester nicht ärmlich leben musste.

Next to the church stands the house of a Roman-Catholic priest. It was built in 1865 in a village named Ropa and shows that at least this priest did not have to live in poverty.

 

 

 

Die großzügige Küche des Pfarrhauses. Daneben gibt es noch 5 Wohnräume, die mit interessanten Biedermeier- und Ludwig Philip-Möbeln ausgestattet sind.

The generously dimensioned kitchen of the priest’s house. Besides this room there are five dwelling rooms, which are furnished with interesting Biedermeier and Louis-Philippe furniture. 

 

 

 

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Hier sieht man einen Bauernhof, der aus Zwillingsgebäuden besteht: einem Wohnhaus mit integriertem Stall (li) und einer Scheune im Hintergrund. Die mit Erde abgedeckte Hütte, "gruba" genannt, stellt einen Erdkeller dar, in dem vornehmlich Wurzelgemüse gelagert wurde. Das Wohnhaus kommt aus dem Ort Niebocko und wurde dort 1892 erbaut.

Here is a farm consisting of two twin buildings, the dwelling (l), with integrated stalls, and the barn in the background. The ‘gruba’, the hut on the right covered with earth, was an earthen cellar in which mostly root crops were stored. The dwelling house comes from the locality of Niebocko and was built there in 1892.

 

 

 

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Das Innere des Wohnhauses. Die Einrichtung stammt aus der Zwischenkriegszeit und zeigt den Lebensstandard zu jener Zeit. Durch die Tür geradeaus erkennt man die Seite eines Webstuhls, rechts geht es durch einen kleinen Flur direkt in den Stall. Auffällig sind zahlreiche religiöse Bilder hoch oben an den Wänden. Die Blumen und Girlanden an der Decke, den Balken und dem Kamin malte eine Frau aus Niebocko.

The interior of the dwelling. The furnishing dates from between the two World Wars and shows the standard of living of the time. Through the door straight ahead the side of a spinning-wheel can be seen; on the right a small passageway leads directly to the stalls. High on the walls are numerous religious pictures. The flowers and garlands decorating the ceiling, the beams and the chimney were painted by a woman from Niebocko.

 

 

 

Vor einer Scheune aus der Nähe Sanoks (Mitte 19.Jh.) grasen zutrauliche Ziegen, die die Kinder erfreuen. Außer uns sind allerdings nur wenige Besucher da.
Rechts: der rekonstruierte Schutz eines Heuhaufens, hier von Stöckchen.

To the delight of children - there were a few around - fairly tame goats graze in front of a mid-19th C thatched barn from near Sanok.
On the right is the reconstructed protective roof for a haystack - at the moment it is keeping stacks of wooden poles dry.

 

 

 

Ein bäuerliches Anwesen, das aus mehreren Gebäuden besteht: einer Scheune (li), einer Windmühle von 1923 und einem schönen Wohnhaus in Streifenlook (1897).

Another farm consisting of several buildings: a barn (l), a 1923 windmill and a beautiful striped house (1897).

 

 

 

Das Haus mit dem blühenden Fliederbusch und dem stufenartigen Reetdach gefällt uns so gut, dass wir es auch von dieser Seite nochmals zeigen möchten.

We found the striped house with the flowering lilac tree next to it so pretty that here is another picture of it from the other side.

 

 

 

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Wir sind erstaunt, als wir uns plötzlich in einem Ölförderfeld befinden. Das rückständige Galizien und die Ölförderung - passt das zusammen?
Später lesen wir einen Artikel über Ölförderung mit dem Titel: Es begann in Galizien. Am Nordhang der Waldkarpaten lag das Erdöl (und Erdgas) so nah an der Oberfläche, dass es schon beim Brunnengraben in Erscheinung trat. Die kommerzielle Nutzung ist seit dem 16.Jh überliefert. Aber erst als 1853 aus dem klebrigen, stinkenden Erdwachs dünnflüssiges Petroleum hergestellt werden konnte, entwickelte sich hier eine blühende Erdölindustrie, anfangs durch Ausschöpfen händisch gebohrter Brunnen, später durch Einsatz von Maschinen.
1912 war die Österreichisch-Ungarische Monarchie mit Öl, das praktisch ausschließlich aus Galizien stammte, das drittgrößte Ölförderland der Welt. Später konnten die Produktionsziffern der Vorkriegszeit nicht mehr erreicht werden, obwohl auch heute in dem Gebiet noch Erdöl gefördert wird. Auf unserer Fahrt nach Sanok sahen wir immer wieder Ölpumpen auf den Feldern.

We are surprised to find ourselves suddenly in the middle of an oil-field. Underdeveloped Galicia and an oil industry - does that go together?
Later we read an article about the oil industry with the title ‘It began in Galicia’. On the northern edge of the Northeast-Carpathians oil (and natural gas) lies so near to the surface that it appears sometimes when wells are dug. Commercial use of it is recorded since the 16th C. But only since 1853, when petroleum could be refined out of the sticky and stinking mineral wax, did a flourishing oil industry develop. At first it was baled out of hand-dug wells, later machinery was used.
In 1912 the Austro-Hungarian monarchy, with the oil that almost exclusively came from Galicia, was the third-largest oil-producing country of the world. Later pre-war production levels could not be reached, although even today oil is extracted in the area - we had quite often seen oil-pumps on our drive to Sanok. 

 

 

 

Das Museum besitzt einen höher gelegenen Teil, in dem sich Exponate der Lemken und Bojken befinden. (Deren Gebiete tragen auf der Karte oben die Farben Rosa und Orange.) Zwischen hohen Bäumen entdecken wir eine griechisch-orthodoxe Kirche mit Zwiebeltürmen und mehrere Bauernhäuser aus der Gegend um Gorlice.
Hier sehen wir auch das nützliche Pilzhäuschen (Bild unten).

The museum has a higher-lying area in which Lemko and Boyko exhibits are to be found. (Their regions are pink and orange on the map above.) Between high trees we find a Greek-Orthodox church with its onion-shaped tower and several farmhouses from the area around Gorlice.
Here we also see the useful mushroom house shown in the picture below.

 

 

 

Warum baut jemand so etwas wie einen hölzernen Pilz neben einem Bauernhof?

Für die Antwort bewegen Sie die Maus übers Bild.

Why would someone put something like a wooden mushroom near the farmhouse?

For the answer move the mouse over the picture.

 

 

 

 

 

 

Eine weitere griechisch-orthodoxe Kirche steht verborgen unter hohen Bäumen. Sie wurde 1750 errichtet, der kleine Glockenturm hinten links 1751.

A further Greek-Orthodox church stands hidden between the high trees. It was originally built in 1750 and the little bell-tower on the left in 1751.

 

 

 

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Auch das Innere dieser winzigen Kirche blieb komplett erhalten. Beeindruckend sind die schönen Wandgemälde und religiösen Bilder.

The interior of the tiny church has also been preserved. The fine wall-paintings and other religious pictures are very impressive.

 

 

 

Wir befinden uns in einem hochgerühmten Teil Polens, den Beskiden, und wollen eine Rundfahrt unternehmen durch ihren noch berühmteren südöstlichen Teil, die bis 1300m hohen Bieszczaden, auch Waldkarpaten genannt. Sie zählen zu den einsamsten Gebieten Europas.
Leider verschlechtert sich das Wetter so sehr, dass unsere Bilder Schwarzweiß-Fotografien gleichen.

We are in a famous area of Poland and after looking at the museum we want to do a round-trip of the even more famous south-eastern part, Bieszczady or North-eastern Carpathians, which rises up to 1300m. It is one of the least-populated parts of Europe.
Unfortunately the weather gets so much worse that we might just as well be taking black and white photos.

 

 

 

Früher lebten in diesem Gebiet die ukrainischen Bojken, doch nach dem zweiten Weltkrieg siedelten die Polen 1947 in einer Nacht- und Nebelaktion die Bojken und Lemken aus Angst vor ukrainischen Partisanen um ("Operation Weichsel"). Der Landstrich wurde entvölkert und verödete. Auch heute ist er noch dünner besiedelt als der Rest der Beskiden. Doch die Natur freut's: Hier leben noch Bären, Luchse, Wölfe und Wisente.

The Ukrainian Boykos used to live in this area, but after the 2nd WW in 1947 the Poles, for fear of Ukrainian partisans, forcibly resettled the Boykos and Lemkos in a hush-hush operation called ‘Operation Wisla’. The area was depopulated and became desolate. Even today it has less population than the rest of Bieszczady, but nature profits from that: bears, lynxes, wolves and bison live here.

 

 

 

Über der Baumgrenze liegen wunderbare Almwiesen, die 1973 mit der Errichtung des Nationalparks als erste unter Schutz gestellt wurden. Ein Strauchgürtel fehlt, die urwüchsigen Nadel- und Buchenwälder gehen unvermittelt in gräserbewachsene Almen, die sog. Polonien über, die man früher als Hochweide nutzte.

Above the tree-line there are wonderful mountain meadows, which were the first to be protected by the creation of a national Park in 1973. There is no girdle of bushes, the coniferous and beech woods change directly to the grassy mountain meadows, which were used previously as mountain pastures.

 

 

 

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